Worauf sind die großen Regenfälle in den letzten drei Jahren zurückzuführen?

(1956)

Im Gebiet der DDR fielen in den Sommermonaten der letzten drei Jahre sehr häufig und z. T. auch außergewöhnlich starke Niederschläge. Das führte oft zu der Meinung, daß die Atombombenversuche schuld daran seien und unser Wetter dadurch nicht mehr normal ist. Berechnungen ergeben aber, daß die Energie einer oder mehrerer Atombomben noch viel zu klein ist, um den Ablauf der Wettererscheinungen auf der Erde zu andern.

Gerade in unseren mittleren Breiten verläuft das Wetter von Tag zu Tag und innerhalb der Jahreszeiten derartig wechselhaft, daß die in den letzten drei Jahren aufgetretenen Wettererscheinungen durchaus zum normalen Wetterablauf gehören und keiner Erklärung durch irgendwelche andere Ursache bedürfen.

Die Sommer der drei letzten Jahre zeichneten sich besonders im südlichen Teil unseres Gebietes dadurch aus, daß keine längeren Hochdrucklagen mit schönem und warmem Wetter auftraten. Der Witterungscharakter war vorwiegend zyklonal, d. h. von Tiefdruckgebieten bestimmt. Dadurch wurden entweder vom Atlantik oder aus dem Mittelmeerraum feuchte bzw. feuchtwarme Luftmassen herangebracht, die zu häufigen und vielfach von Gewittern begleiteten Niederschlägen Anlaß gaben. Besonders anhaltende und ergiebige Regenfälle wurden bei den sogenannten Vb-Lagen hervorgerufen. Im Bereich von Tiefdruckgebieten, die von den Ostalpen aus nordwärts ziehen, strömen dann kalte Luftmassen aus dem Nordwesten gegen warme und feuchte aus dem Mittelmeerraum, wobei es durch Aufgleiten zu ergiebigen Niederschlägen kommt (siehe Skizze). Solche Wetterlage führte zu dem Hochwasser im Juli 1954.

Skizze: Vb-Wetterlage wie bei der Hochwasserkatastrophe im Juli 1954

 




Damals waren die Temperaturunterschiede der aufeinandertreffenden Luftmassen besonders groß. Außerdem hielten sie sehr lange Zeit an, da das Tiefdruckgebiet über unserem Raum liegenblieb. An manchen Orten fiel in 6 bis 7 Tagen soviel Regen, wie normalerweise in einem Viertel oder Drittel des gesamten Jahres.

Werner Berth, Meteorologe

Quelle: Jugend und Technik, 10/1956, S. 472


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